Neues aus Kambodscha: Ein Skatepark für Phnom Penh, Wirtschaftswachstum auf Kosten der Demokratie, Bewohner stellen sich den Kettensägen, die Brücke des Vergessens uvm. Das waren die Top-Themen aus Südostasien im Wochenrückblick.

  • von 17. bis 23.09.2012

Blog Sarah ThustUngerechte Gerechtigkeit ist die Freilassung der ehemaligen Sozialministerin der Roten Khmer. Was das international-kambodschanische Gericht den angeklagten Rote-Khmer-Führern bietet, das bleibt Kambodschanern in den Gerichtssälen des Landes verwehrt. Die Angeklagte vor den „Außerordentlichen Kammern der Gerichte Kambodschas“ (ECCC), Ieng Thirith war nicht nur Pol Pots Schwägerin, sondern auch ein einflussreiches Parteimitglied. Sie war dafür mitverantwortlich, dass unzähligen Kambodschanern die Gesundheitsversorgung verwehrt wurde, die sie heute genießt. Mit 80 Jahren wurde die demente Frau aus der Haft entlassen und lebt nun unter der Aufsicht ihrer Tochter. Inwiefern sie ihr Leben in Kambodscha in Zukunft einschränken muss, wird in den kommenden Wochen verhandelt.

Der Trost für die Opfer des Rote-Khmer-Regimes kann nur sein, dass die übrigen Angeklagten wie der ehemalige führende Funktionär Khieu Samphan, Chefideologe Nuon Chea und Ex-Außenminister Ieng Sary schneller zur Verantwortung gezogen werden können. Das wird nicht so einfach werden. Auch Ieng Sary, 86 Jahre alt, leidet unter Alterserscheinungen wie Osteoporose und Herzproblemen. Seine Krankenhausaufenthalte zögern die Vernehmung entscheidender Zeugen wie Autor Philip Short weiter hinaus. Dennoch kommt die Gerechtigkeit nach internationalen Standards in Kambodscha an. Viele ehemalige Opfer zeigen sich versöhnlich und wissen, dass die gesprochenen Urteile ein unwiderruflicher Teil der Geschichte sein werden.

Ein Skatepark für Phnom Penh hat vergangene Woche erstmals seine Türen geöffnet, die offizielle Eröffnung ist für Anfang Oktober angesetzt. Die überdachte Anlage wurde von der Nichtregierungsorganisation Skateistan am Russischen Markt gebaut. Auf 500 Quadratmetern können Kids Kids sein – unabhängig von finanziellem, ethnischem und religiösem Hintergrund. Kinder zwischen 5 und 17 Jahren können auf dem Gelände Skaten lernen und mehr über Kunst erfahren, ein Fach, das an kambodschanischen Schulen nicht gelehrt wird.

Das Wirtschaftswachstum gehe auf Kosten der Demokratie in Kambodscha, schreibt die Bertelsmann Stiftung in einem Bericht. Demnach zählt das Land zu den reformschwachen Ländern der Region Südostasien. Korruption, politischer Stillstand und ein rapide wachsendes Einkommensgefälle unterstützen diesen Prozess zusätzlich, so die Ergebnisse der Umfrage bei den demokratischen Institutionen des Landes. Aus dem Bericht geht hervor, dass diese Institutionen sowie die wirtschaftliche Lage instabil sind. Der sogenannte Transformationsindex bewertet aller zwei Jahre Demokratien im Reformprozess. Während Kambodscha 2008 noch auf Platz 88 von 125 rangierte, rutschte es 2012 auf Platz 105 von 128 Ländern. „Das Wirtschaftswachstum wurde über den Schutz von Wasserressourcen und Wäldern gestellt. Während das politische System in Kambodscha sehr stabil ist, ging dies auf Kosten der demokratischen Beteiligung“, schreibt die Bertelsmann Stiftung. Der Sprecher des Ministerrats, Phay Siphan, lehnte die Ergebnisse der Studie ab, da sie auf veralteten Informationen beruhen würden.

LoggingBewohner stellen sich den Kettensägen im Wald Prey Lang. Eine Gruppe von Kambodschanern kämpft gegen die Abholzung ihrer Wälder. Fünf Tage lang haben 280 Mitglieder der Prey Lang Gemeinschaft die geschützten Gebiete der Provinzen Kampong Thom, Preah Vihear, Stung Treng und Kratie nach Hinweisen für illegalen Holzabschlag durchsucht. Es handelt sich bereits um die fünfte Patrouille dieser Art in nur wenigen Wochen. Dieses Mal beschlagnahmten sie mehr als 120 Kubikmeter illegal gefälltes Holz und sieben Kettensägen. Nach eigenen Angaben haben sie die Namen der Holzfäller an die Gemeindebehörden übergeben. Die beschlagnahmten Güter haben sie verbrannt, da diese bisher in den Händen der Ortsbehörden immer wieder verloren gegangen sei. Der Bürgermeister von Kampong Thom, Uth Sam Orn, gab an, dass er bisher noch keinen Bericht der Dorfbewohner erhalten habe. Recherchen zum illegalen Holzabschlag in Kambodscha sind gefährlich, da mafiöse Strukturen hinter dem Holzhandel stecken.

Umweltaktivisten und Journalisten werden bedroht, belästigt und sogar ermordet, wenn sie sich gründlich mit dem Thema auseinandersetzen. Der prominenteste Fall in diesem Jahr war der Tod des Umweltaktivisten Chut Wutty, der im April im Wald der Region Koh Kong von einem Polizisten erschossen wurde. Gemeinsam mit zwei Journalisten fotografierte Chut Wutty Beweise für den illegalen Holzabschlag durch die Firma Timbergreen in den Kardamom Bergen als er von einem Militärpolizisten und einem Sicherheitsmann der Firma ertappt wurde. Da es keine Augenzeugen gab und der Todesschütze anschließend selbst an einer Kugel starb, veröffentlichten die Behörden nach und nach drei verschiedene Versionen. Der angebliche Mörder des Polizisten, der Sicherheitsmann, wird nächsten Monat vor dem Landgericht Koh Kongs wegen versehentlicher Tötung angeklagt.

Wer bekommt das Öl? Nicht nur am bekannten Weltkulturerbe-Tempel Preah Vihear kollidieren Gebietsansprüche Thailands und Kambodschas. Doch geht es ihnen dabei um Nationalstolz, Tourismus oder Ressourcen? Während Experten Ölreserven in der Region um Preah Vihear vermuten, ist die Intention beim Streit um die Grenzen im Golf von Thailand eindeutiger. Vergangene Woche haben sich die Länder dennoch auf einen neuen Dialog geeinigt bei dem über das expansive und ressourcenreiche Gebiet, das beide Nationen für sich beanspruchen, diskutiert werden soll. 2001 haben Thailand und Kambodscha eine Absichtserklärung unterzeichnet, die die gemeinsame Entwicklung des 26.000 Kilometer großen Gebietes vorsah. Seit 2006 standen diese Pläne still aufgrund der politischen Entwicklungen in Thailand und aufkommender Konflikte.

Die Brücke des Vergessens soll die Fehltritte der Veranstalter des traditionellen Wasserfestivals im November 2010 vertuschen. Während einer Hysterie an der Brücke zur Insel Koh Pich starben an diesem Tag 353 Menschen an dem Nadelöhr in Phnom Penh. Verantwortlich sei laut Premierminister Hun Sen niemand für den Vorfall gewesen. Dennoch entschlossen sich die Bauunternehmer der Insel, das Unternehmen Ocean Cambodian Investment, für 2 Millionen Dollar die alte Brücke durch eine neue zu ersetzen. Vergangene Woche wurde wenige Meter weiter eine neue Brücke eröffnet, die von zwei Steindrachen geziert wird. In zwei Monaten wird das Festival zum ersten Mal seit dem Vorfall wieder gefeiert. Der neue Bau werde die Bewohner Phnom Penhs glücklich machen, sagte der stellvertretende Premierminister Mem Sam An bei der Eröffnungszeremonie. Zu weiteren notwendigen Sicherheitsvorkehrungen und Notfallplänen wollten sich Regierung und Veranstalter jedoch nicht äußern.

Die Verbesserung der Infrastruktur ist weiterhin in Planung. Das für die Instandsetzung des Schienenverkehrs verantwortliche Unternehmen Toll Royal Railway hat vergangene Woche  Absichtserklärungen mit Zulieferern von Lokomotiven und Baumaterialien unterzeichnet. Ein starker Bewerber ist das französische Unternehmen Alstom Transport, der weltgrößte Hersteller von Lokomotiven. Die Absichtserklärungen sind ein wichtiger Schritt für die geplante Strecke zum Touristenzentrum Sihanoukville, die Ende des Jahres fertiggestellt werden soll. Die Bahnstrecke ins nördliche Battambang soll etwa 2014 eröffnet werden. Toll Holdings und das Unternehmen Royal Group übernahmen 2009 für die folgenden 30 Jahre die Verantwortung für den Aufbau des Schienennetzes Kambodschas. Anfang des Jahres berichteten verschiedene Medien, dass die Unternehmen aufgrund drastisch steigender Kosten und unerwarteter Probleme aussteigen wollen. Die Berichte wurden jedoch von dem harten Geschäftsmann Kith Meng, der kambodschanisch-australische Vorsitzende von Toll Royal Railway, dementiert.

Premierminister Hun Sen plant zudem den Bau eines zweiten Flughafens in Phnom Penh. Dies sei notwendig, da das Königreich bis 2020 mit einem Anstieg der Touristenzahl auf sieben Millionen pro Jahr rechne. Über den Ort des neuen Flughafens wollte sich der Premierminister nicht äußern, um Grundstückspekulationen zu vermeiden. Indes soll der vorhandene Flughafen im kommenden Jahr ausgebaut werden. Bis 2014 oder 2015 soll er fünf Millionen Passagiere aufnehmen können. Anwohner des Phnom Penh International Airports fürchten seit einigen Monaten, dass sie ihre Grundstücke der Vergrößerung des Flughafens opfern müssen. Die Gemeinderegierung habe sie darauf hingewiesen, dass trotz ihrer Grundstücksurkunden der Ausbau des Flughafens vorgehe.