Die Versorgung schwer kranker Menschen in Deutschland soll besser werden, da sind sich Regierung und Opposition einig. Dazu stimmt der Bundestag am 5. November über ein neues Gesetz zur Palliativmedizin ab. Schon jetzt steht fest: Mit ihm könnte das Netzwerk von Hospizen, ambulanten und stationären Pflegediensten nicht nur in der Fläche ausgebaut, sondern auch besser finanziert werden. Etwa 200 Millionen Euro soll die Reform laut Bundesministerium für Gesundheit kosten. Ob das ausreicht, wird sich zeigen.

Pirmasenser Zeitung LogoKloster Lehnin/Landshut – Die Palliativstation in Lehnin wird schon in knapp zwei Wochen aufgestockt – von acht auf zwölf Betten. Schon jetzt ist das Personal knapp besetzt, die Suche nach qualifizierten Kräften schwierig. „Nicht jeder passt hier rein. Es geht darum einen Prozess zu begleiten, nicht nur Befunde abzufragen“, sagt Oberarzt Dr. Reichardt.

Bei Kaffee und Kuchen erzählt der Rentner Peter Mayer*, wie ihn DDR-Funktionäre in den 70ern in die Kampfgruppe gelockt haben. Er hatte einen Ausreiseantrag gestellt, wollte Familie in Westdeutschland besuchen. “Du willst ja auch was von uns”, hätten sie damals zu ihm gesagt. Mayer ist nicht der einzige Patient auf der Palliativstation im Evangelischen Diakonissenhaus Lehnin, der nach seiner Chemotherapie noch einmal auf sein Leben zurückschaut. Dienstags beim Kaffeekränzchen und Freitags beim Frühstück nimmt sich das ganze Team Zeit für die Geschichten der Patienten. Dann erzählen sie von ihrer Chemotherapie, entdecken Gemeinsamkeiten und tauschen Kochrezepte.

„Was will ich eigentlich noch vom Leben?“

„Es ist wichtig, dass die Patienten ihre Geschichte teilen – besonders mit der eigenen Familie. Viele schauen noch einmal auf ihr Leben zurück, wollen alte Konflikte lösen“, sagt Stationsoberarzt Dr. Helmut Reichardt. „Die Aufgabe der Palliativmedizin ist es, den Patienten dabei zu unterstützen, dass er das bestmögliche aus seinem restlichen Leben machen kann. Und wir klären auch, wo dieses Leben weitergehen soll.“

Auf einer Akutstation hingegen sei es kaum möglich, die Patienten körperlich, seelisch, familiär, biografisch, spirituell zu betreuen. „Auf unserer Station sitzen wir jeden Morgen, besprechen jeden einzelnen Patienten mit allen anwesenden Mitgliedern des Teams und das hat eine große Intensität“, erzählt Reichardt. Durch lange Gespräche entstehe enger Kontakt zu Patienten, Angehörigen und Versorgungsnetzwerken.

Hospiz oder Versorgung zu Hause?

Schon im ersten Gespräch klären die Angestellten in Lehnin: „Wo soll es hingehen?“ Manche Patienten wollen wieder nach Hause, andere wissen nicht, wohin. Durchschnittlich bleiben sie hier 10 Tage, kaum einer bleibt drei Wochen.

„Manchmal merkt man, was das für ein Glück ist, dass das Hospiz so nah ist. Der Begriff ist noch immer stigmatisiert. Ich kann mit den Patienten oder Angehörigen einfach rübergehen und wir können uns das anschauen“, sagt Reichardt. Will der Patient lieber zurück nach Hause, dann werden die Angehörigen auch hier bei der Organisation unterstützt.

Mehr Lebenszeit und -qualität

Studien belegen: Patienten, die Palliatimedizin erhalten, benötigen weniger Chemotherapien, klagen seltener über Depression und leben sogar länger. Palliativmediziner und -Pfleger wissen das, doch zum Krankenhausalltag gehört das nicht – besonders in ländlichen Regionen. Grund dafür sind fehlende Ausbildung, Personalmangel und der finanzielle Druck auf die Kliniken. Damit beschäftigt sich die geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Lakumed-Kliniken in Landshut, Dr. Marlis Flieser-Hartl.

Der Fachkräftemangel bleibt

Wolfgang M. George, Autor der Gießener Sterbestudie, sieht ein großes Problem in der “unzureichenden Ausbildungsqualität”. Die geplanten Nachbesserungen in diesem Bereich reichen nicht aus, sagt auch Dr. Marlis Flieser-Hartl, geschäftsführende Vorstandsvorsitzende der Lakumed-Kliniken in Landshut und Umgebung. “Dringend notwendig ist, dass (vom Gesetzgeber) eine gewisse Ausbildung in der Palliativmedizin gefordert wird”, sagt Flieser-Hartl.

Die finanzielle Situation werde mit dem neuen Gesetz zur Verbesserung der Hospiz- und Palliativversorgung hingegen besser, sagt die Vorstandsvorsitzende. Bisher zahlen die Krankenkassen pro Patient eine Fallpauschale: Bleibt der Patient länger als erwartet, bleibt das Krankenhaus auf den Kosten sitzen; wird er schon eher entlassen, muss die Klinik einen Teil der Pauschale zurückzahlen.

„Es ist nie genug, aber ich sehe in dem Gesetzentwurf einen großen Schritt vorwärts. Vor allem die Nachbesserung bei den Fallpauschalen, dass man hier auch wieder andere Möglichkeiten für die Einrichtungen aufzeigt“, sagt Flieser-Hartl.

Entbürokratisierung und bessere Vernetzung

​„Wir haben vor 10 Jahren mit der Palliativstation angefangen, weil Palliativmedizin in Landshut und Umgebung ein total weißer Fleck war. Es gab dazu nichts, keine Station, kein Hospiz. Dann haben wir gesagt, wir fangen mit einer Palliativstation an, weil das im Krankenhaus am einfachsten zu realisieren war“, erzählt sie. Aber ohne ein Netzwerk könne auch die Palliativstation wenig helfen, weil so schwer kranke Patienten immer wieder von Zuhause ins Krankenhaus müssten und umgekehrt.

So ein Netzwerk wie in Landshut kann das in vielen Fällen sicherstellen. „Die Ärztin, die die Patienten vorher schon ambulant betreut, kann sie dann auch (auf der Palliativstation) weiter betreuen. Außerdem haben wir SAPV-Teams, die Patienten im häuslichen Umfeld versorgen können und eine Brückenschwester, die beim Organisieren des Übergangs hilft. Es gibt den mobilen onkologischen Dienst, medizinisches Fachpersonal, das die Medikamenteneinnahme der Patienten überprüft etc.“

​* Name geändert

Kloster Lehnnin

Autorin | Sarah Thust

Veröffentlichung | 05.11.2015

Medium | Pirmasenser Zeitung

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