Tiziano Terzani beschreibt die Kambodschaner als das Volk des Aberglaubens. Es gibt jedoch Tage an denen selbst die Faktengläubigen über eine höhere Macht nachdenken. Am letzten Tag des Fests der Verstorbenen ist der ehemalige König und beliebte Volksführer Norodom Sihanouk nur wenige Tage vor seinem 90. Geburtstag eingeschlafen.

Blog Sarah Thust„Unser früherer König ist Montagfrüh gegen 2.00 Uhr in Peking an einer natürlichen Ursache gestorben. Das ist ein großer Verlust für Kambodscha. Wir fühlen uns sehr traurig“, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Nihk Bun Chhay in Kambodscha. Während die Medien historische Hymnen über den vielseitigen ehemaligen König verfassen, hüllt sich die Hauptstadt in eine graue Regenwolkendecke.

Der Ex-König ist am Montagmorgen an einem Herzinfarkt in einem Krankenhaus in Peking, China, gestorben. Prinz Sisowath Thomico, Chef des Beraterstabs des Ex-Königs, sagte gestern: “Sein Herz war sehr schwach, also waren wir auf seinen Tod vorbereitet. Dennoch hat es uns überrascht, dass es so schnell geschehen ist.” Bereits vor acht Jahren war Sihanouk von seinem hohen Amt aus gesundheitlichen Gründen zurückgetreten.

Sein Sohn Norodom Sihamoni ist seitdem der Regent Kambodschas. Doch bis heute ist er nicht so beliebt wie sein Vater, den die Kambodschaner liebevoll König-Vater nennen. Die Gründe dafür sind vielfältig: seine Persönlichkeit, seine Offenheit, seine politischen Errungenschaften und vor allem seine Volksnähe. Im Radio hielt er stundelange Ansprachen in denen er politische oder gesellschaftliche Missstände im Land kritisierte, schrieb seine Gedanken auf seiner Internetseite nieder oder arbeitete mit Bauern auf dem Feld. Er hat während seiner knapp 40 Jahre als Staatsrepräsentant mit seinem Volk die Schönheiten und Schrecken des Landes erlebt.

Thousands Mourn Former King Sihanouk

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Der schüchterne Student Sihanouk wurde 1941 mit 18 Jahren von Frankreich als König eingesetzt. Die Kolonialmacht hatte nicht damit gerechnet, dass der junge Casanova als geschickter Diplomat friedlich für die Unabhängigkeit Kambodschas kämpfen wird. Ausgebildet in Saigon und Paris, nutzte er seine Fähigkeiten, um Kambodscha 1953 in die Unabhängigkeit zu führen, ohne einen Krieg zu provozieren.

Sihanouk herrschte über Kambodscha von 1941 bis 1955 sowie von 1993 bis 2004. Als er 1955 vom Thron gestiegen ist, gründete er die Sozialistische Volksgemeinschaft mit der zum Staatsrepräsentanten gewählt wurde. Die neue Landesflagge zieren seitdem die Türme des Weltkulturerbes Angkor. König-Vater Norodom Sihanouk gehört zu den Gründern der Bewegung der Blockfreien Staaten.

Mit dem Schachzug, sich keinem Staatenverband anzuschließen, hat der damalige König jedoch den Weg für die Terrorherrschaft der Roten Khmer geebnet. In den 1970er Jahren unterstützt er zudem diese kommunistische Regierung, die etwa 2 Millionen Menschenleben gekostet hat, und steht selbst an der Staatsspitze. Dennoch hat ihm sein Volk vergeben, da auch Mitglieder der Königsfamilie ihr Leben unter den Roten Khmer verloren haben. Als er 1991 aus seinem Exil in China nach Kambodscha zurückkehrt, empfangen ihn 10.000 Menschen.

Am Ende seiner Regentschaft hat er eine – wenn auch fragile – Demokratie geformt, das Bildungssystem und die Infrastruktur ausgebaut. Zu diesem Zweck hat er auch ausländische Hilfe genutzt und missbraucht. So entpuppte er sich zum Gauner beim Bau des Olympiastadiums, dessen Bauschulden nie getilgt wurden. Während er die Städte entscheidend entwickelte, blieb jedoch das Land in einem mehr oder weniger idyllischen Zustand, wie Sihanouk es nannte, tatsächlich handelt es sich aber um Regionen bedrückender Armut.

Journalisten nennen König-Vater Sihanouk den wechselhaften Prinzen mit einer ungewöhnlichen, verblüffenden und oszillierenden Persönlichkeit. Während sein politisches Geschick umstritten ist, glänzte er über die Landesgrenzen hinaus als Künstler.

„Er hat 21 Filme gedreht. Doch mein Vater ist nicht nur ein Filmemacher, sondern auch ein großartiger, einzigartiger Politiker […] und ein guter Koch französischer Küche, ein toller Musiker und Komponist“, sagte sein Sohn Prinz Norodom Ranariddh 2002 in einem Interview. Journalist Pierre-Yves Clais schreibt über ihn: „Stellen Sie sich einen Poeten vor, der König geworden ist.“

Dazu kam seine Liebe zu den Frauen. Mit etwa 5 Ehefrauen zeugte er mindestens 13 Kinder. Ein französischer hochrangiger Soldat sagte einst über Norodom Sihanouk: „Der König ist ein Verrückter, aber ein genialer Verrückter.“

Norodom Sihanouk hat die neue Moderne mit alten Traditionen verbunden. Für sein Volk ist er ein Symbol der nationalen Aussöhnung und Einheit geworden. Seine letzten Jahre waren jedoch geprägt von Melancholie, häufig beschwerte er sich über den Missbrauch „seiner armen Nation“. Als moralische Autorität konnte er sich scharfe Kommentare über die politischen Akteure und Themen erlauben. Vor kontroversen Themen wie politischer Gewalt, Korruption oder Grenzfragen mit Vietnam und Thailand schreckte er nicht zurück.

„[Norodom Sihanouk] war eine der schillerndsten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Nicht mehr und nicht weniger als eine Legende. Nur wenige Menschen in der Welt haben das Schicksal ihrer Nation so lange Zeit beeinflusst wie [er]“, schreibt der deutsche Politikwissenschaftler Dr. Markus Karbaum im Magazin Southeast Asia Globe. „Während vieler Jahre des Aufruhrs war er eine Konstante, eine Landmarke und ein seltenes Symbol für ein verwüstetes Land.“ Sihanouk war aber vor allem der größte Patriot des Landes und der selbsternannte Vater aller Kambodschaner. Wer in Zukunft aus ihren Reihen in seine Fußstapfen tritt, das wird sich in den kommenden Monaten zeigen.