Ein Blog-Artikel stellt den russischen Präsidenten Wladimir Putin als Helden dar. Er habe die „vollständige Unabhängigkeit“ vom US-Dollar erklärt, der von der Rothschild-Familie kontrolliert werde. Der Artikel bedient damit eine antisemitische Verschwörungstheorie. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

Correctiv LogoSeit Jahren kursiert im Internet das Gerücht, dass der russische Präsident Wladimir Putin die Bankiersfamilie Rothschild aus Russland verbannt haben soll. Dahinter steckt ein antisemitischer Verschwörungsmythos. Auch die deutsche Internetseite Sari Blog griff ihn im vergangenen Jahr auf. Der Artikel wird noch immer auf Facebook verbreitet; insgesamt wurde er bisher mehr als 6.600 Mal geteilt.

Es wird suggeriert, dass die jüdische Familie Rothschild die Finanzmärkte weltweit beherrsche und eine neue „Weltordnung“ schaffen wolle. Die Familie ist seit vielen Generationen im Finanzgeschäft tätig und steht heute zum Beispiel hinter Rothschild & Co., einem großen Finanzberatungsinstitut.

In dem Text von Sari Blog, der laut dem Analysetool Crowdtangle im März 2019 erstmals auf Facebook geteilt wurde, wird behauptet: Putin habe „die vollständige Unabhängigkeit vom Rothschild-kontrollierten US-Dollar“ erklärt – und die Familie Rothschild aus dem Land vertrieben. Derselbe Text wurde bereits im Mai 2018 in englischer Sprache auf der Seite NewsPunch veröffentlicht.

Unsere Recherchen zeigen: Die Behauptungen sind größtenteils falsch. Putin hat lediglich 2018 erklärt, dass Russland unabhängiger vom US-Dollar werden müsse. Doch die Rothschilds hat er dabei nicht erwähnt. Ein Unternehmen der Familie ist nach wie vor in Russland tätig.

Der Name des Autors von Sari Blog ist Faktencheckern im englischsprachigen Raum bekannt: Baxter Dmitry schrieb bereits 2016 einen Text über Putins angebliche „Verbannung“ der Rothschilds für die Seite YourNewsWire. Diese Webseite, die inzwischen nicht mehr existiert, galt laut Poynter-Institut als einer „der berüchtigtsten Fehlinformatoren im Internet“.

1. Behauptung: Putin habe die vollständige Unabhängigkeit vom US-Dollar erklärt

Bis vor wenigen Jahren war die russische Wirtschaft stark vom US-Dollar abhängig. Ob im Außenhandel oder bei Währungsreserven – ein großer Teil davon wurde laut der Bank of Russia in der US-amerikanischen Währung gehandelt beziehungsweise angelegt.

Doch nachdem Russland nach einem Referendum im Jahr 2014 die ukrainische Halbinsel Krim annektiert hatte, belegten die USA und die Welthandelsorganisation die russische Föderation mit Zollbeschränkungen und Sanktionen. Präsident Wladimir Putin kritisierte die Sanktionen gegen Russland scharf und sagte in einer Rede vor dem Parlament im Jahr 2018, dass er sich vom US-Dollar lösen wolle.

Etwa ein Jahr danach, im März 2019, erschien der Beitrag der Seite Sari Blog, der in den Sozialen Netzwerken bis heute geteilt wird. Darin hieß es, Putin habe die „Unabhängigkeit vom US-Dollar erklärt“. Der US-Dollar werde angeblich von Familie Rothschild „kontrolliert“, darum wolle ihn Putin abschaffen.

Der Blog-Beitrag über Putin in der Facebook-Gruppe „Menschen für Deutsch Russische Freundschaft“.
Der Blog-Beitrag über Putin in der Facebook-Gruppe „Menschen für Deutsch Russische Freundschaft“. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Es wird behauptet, dass sich Russland angeblich „vom tyrannischen Griff des Bankensystems“ befreit habe 

Der Autor bezieht sich laut dem Artikel auf die von uns bereits erwähnte Rede, die Wladimir Putin am 8. Mai 2018 vor dem russischen Parlament gehalten hat. Der Autor behauptet: „In seiner Ansprache vor dem russischen Parlament nach seiner Amtseinführung (nach der Präsidentenwahl im März 2018) sagte Wladimir Putin, dass die Erklärung der ‘völligen Unabhängigkeit’ vom globalen Bankkartell und den internationalen Geldverleihorganisationen von Rothschild das ‘größte Geschenk’ sei, das er zukünftigen Generationen machen könne.“

Am 8. Mai 2018 hat Putin tatsächlich in einer Rede über den „Ausstieg aus dem Dollar“ gesprochen. Wir haben auf der Webseite des russischen Präsidenten das schriftliche Transkript in russischer Sprache gefunden und übersetzt. Dafür haben wir den Online-Übersetzer DeepL genutzt.

Putin hat in seiner Rede zwar das „Monopol des Dollars“ kritisiert. Er hat aber nicht die „vollständige Unabhängigkeit“ Russlands vom Dollar erklärt. Wir haben außerdem das gesamte Transkript überprüft, die Familie Rothschild wird darin nicht erwähnt.

Putin sagte in seiner Rede: „Illegale“ Sanktionen würden dazu beitragen, dass „die ganze Welt sieht, dass das Monopol des Dollars unzuverlässig ist, dass es für viele gefährlich ist und dass es nicht nur um uns geht.“ In einer Tabelle haben wir die Zitate, die im Sari Blog verwendet werden, und einige Sätze aus der Rede von Putin gegenübergestellt. Sinngemäß stimmen sie überein.

Die Tabelle zeigt links zwei Absätze aus dem Sari Blog und rechts die Originalzitate von Putin, übersetzt mit dem Online-Übersetzer DeepL.
Die Tabelle zeigt links zwei Absätze aus dem Sari Blog und rechts die Originalzitate von Putin, übersetzt mit dem Online-Übersetzer DeepL. (Quelle: Sari Blog, Rede von Putin / Tabelle: CORRECTIV)

Staatsreserven wurden diversifiziert, aber von einem Ausstieg aus dem Dollar kann nicht die Rede sein 

In seiner Rede 2018 kündigte Putin an, dass Russland seine Staatsreserven [Anm. d. Red. Devisen- und Goldvermögen des Staates] stärker auf unterschiedliche Währungen verteilen wolle. Mit anderen Worten: die Zentralbanken halten Werte vor, mit denen sie – unabhängig vom Wert der heimischen Währung – international agieren können.

Eine Statistik des Devisen- und Goldvermögens der Zentralbank der Russischen Föderation (Bank of Russia) nach Währung zeigt, dass der Anteil des US-Dollars in den Staatsreserven von 43,7 Prozent 2018 auf 23,6 Prozent im Jahr 2019 gefallen ist (Seite 7).

Grafik vom März 2019: Vorhandenes Devisen- und Goldvermögen der Bank von Russland nach Währung laut eines Berichts der Bank of Russia.
Grafik vom März 2019: Vorhandenes Devisen- und Goldvermögen der Bank von Russland nach Währung laut eines Berichts der Bank of Russia. (Quelle: Bank of Russia, Foreign Exchange and Gold Asset Management Report / Screenshot: CORRECTIV)

Verzichten kann Russland auf den Dollar aber vorerst nicht, wie Putin selbst in seiner Rede 2018 andeutete: „Wir müssen das Niveau unserer wirtschaftlichen Souveränität erhöhen. Aber das sind mehrdimensionale Entscheidungen, da beispielsweise Öl an der Börse in Dollar gehandelt wird, und natürlich denken wir darüber nach, was wir tun müssen, um uns von dieser Last zu befreien.“

Auch was den Handel mit anderen Ländern betrifft, ist Russland nach wie vor auf den US-Dollar als Währung angewiesen. Daten der Bank of Russia zeigen, dass die Einnahmen des Landes durch Exporte im Außenhandel im ersten Quartal 2020 zu mehr als 60 Prozent aus US-Dollar bestanden (Stand: 24. Juli 2020). (Hinweis: Diese Zahl stammt von der Webseite der Bank of Russia aus der Tabelle „Currency Composition of Settlements for Goods and Services“ im Abschnitt „External Trade in Goods“.)

Russlands Einnahmen durch Außenhandel mit anderen Ländern nach Währung: Die Grafik zeigt die Entwicklung vom ersten Quartal 2013 bis zum ersten Quartal 2020.
Russlands Einnahmen durch Außenhandel mit anderen Ländern nach Währung: Die Grafik zeigt die Entwicklung vom ersten Quartal 2013 bis zum ersten Quartal 2020. (Quelle: Bank of Russia, Tabelle „Currency Composition of Settlements for Goods and Services“ / Diagramm: CORRECTIV)

Zwischenfazit: Wladimir Putin hat nicht, wie bei Sari Blog behauptet, die vollständige Unabhängigkeit vom Dollar erklärt. Daten der Bank of Russia zeigen, dass Russland den Anteil der US-Währung zwar beispielsweise im Außenhandel reduzieren konnte. Dennoch spielt der Dollar für Russland weiterhin eine bedeutende Rolle.

2. Behauptung: Putin habe die Rothschilds aus Russland vertrieben

Putin habe die Familie „durch die Hintertür Russlands hinausgeworfen“, wird im Artikel von Sari Blog behauptet. Dazu ist ein anderer Text des Autors Dmitry aus dem Jahr 2016 verlinkt. Bereits damals schrieb er, Putin hätte die Rothschilds aus Russland verbannt und geschworen, die „Neue Weltordnung“ zu zerstören. Dabei bezog er sich auf eine anonyme „Quelle aus dem Kreml“.

Dass Putin die Rothschilds „hinausgeworfen“ habe, ist nicht korrekt. Die börsennotierte Finanzholding Rothschild & Co. hat laut eigenen Angaben nach wie vor einen Sitz in Moskau und ist dort geschäftlich tätig.

Zudem gibt es für die Behauptung, dass die Familie den US-Dollar „kontrolliert“, keine Belege. Der Dollar wird von der Zentralbank der Vereinigten Staaten überwacht. Die Entscheidungen beim Internationalen Währungsfonds und der Weltbank, die angeblich ebenfalls unter Kontrolle der Rothschilds stünden, werden von den jeweiligen Mitgliedsländern getroffen.

In Verschwörungsmythen wird häufig über eine geheime Machtelite spekuliert, die eine neue Weltordnung plane oder die Weltherrschaft ergreifen wolle. So ist es auch in dem Artikel von Sari Blog. Er nährt die antisemitische Vorstellung, dass eine jüdische Elite das weltweite Finanzwesen kontrolliere. Solche Verschwörungsmythen waren laut der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit bereits ein wesentlicher Bestandteil der Rassenpolitik der Nationalsozialisten. Diese hatte den Tod von Millionen Menschen zur Folge.

Fazit

Putin hat im Mai 2018 angekündigt, dass die russische Wirtschaft unabhängiger vom US-Dollar werden solle. Doch die vollständige Unabhängigkeit des Landes vom Dollar hat er nicht erklärt; die Währung spielt aktuell immer noch eine wichtige Rolle für die russische Wirtschaft. Die Behauptung, dass Russland sich vom Dollar befreit habe, ist folglich falsch.

Darüber hinaus sind die weiteren Behauptungen im Blog falsch oder unbelegt. Die Firma der Familie Rothschild wurde nicht aus Russland vertrieben, sondern ist dort immer noch tätig. Dass „internationale Bankenorganisationen“ von der „Rothschild-Bankenfamilie privat kontrolliert werden“, ist ein Verschwörungsmythos, für den es keine Beweise gibt.

Bewertung: Größtenteils falsch. Es stimmt nicht, dass Putin die Rothschilds aus Russland vertrieben hat. Er forderte mehr Unabhängigkeit vom US-Dollar, es gab aber keinen kompletten Ausstieg.

Zum Original-Text

 

Autorin | Sarah Thust

Zuletzt aktualisiert | 16.09.2020

Auftraggeber | CORRECTIV.Faktencheck

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