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Feature des Jahres: Wie Männer Vergewaltigung als Kriegswaffe einsetzen

Feature des Jahres: Wie Männer Vergewaltigung als Kriegswaffe einsetzen
Reise durch Afrika: Zunehmend wird sexuelle Gewalt als Taktik in bewaffneten Konflikten eingesetzt. Josh Estey gibt den Überlebenden und ihren Helfern eine Stimme. © Josh Estey

Eine Vergewaltigung kann eine brutale Waffe sein. Sie erniedrigt das Opfer und zersetzt die sozialen Bande. Hunderttausende Menschen im Kongo haben das selbst erlebt. Auf t-online.de schildern sie ihr Leid – und ihre Hoffnungen.

t-online.de NewsEs sollte ein rauschendes Fest werden: Lucia und ihre Familie fuhren zu einer Hochzeit im Osten des Kongos. Als die Mädchen am Fluss Wasser holen wollten, geschah es. Eine Gruppe fremder Männer fiel über sie her. Lucia beschreibt nicht, wie es geschah. Doch sie sagt, dass sie mit 13 Jahren zum ersten Mal brutal vergewaltigt wurde.

Seit diesem Tag sind ihre Beine gelähmt und sie leidet unter schmerzhaften Fisteln. Zudem wurde sie schwanger. Heute erzählt sie: „Ein kleiner Junge wurde aus dieser Vergewaltigung geboren, aber dieses Kind wird nie wissen, wer sein Vater ist, weil es an diesem Tag einfach zu viele (Männer) waren.“

Drei Jahre später wiederholte sich das Unbegreifliche – rund 45 Kilometer vom ersten Tatort entfernt. Noch immer im Ostkongo. Diesmal fuhr Lucia zur Hochzeit ihres Cousins in Kalonge. „Als wir dort waren, griffen Rebellen das Dorf an und alle rannten davon, sie vergaßen, dass ich (…) nicht davonlaufen konnte. An diesem Tag wurde ich erneut von Rebellen vergewaltigt.“ Neun Monate später bekam sie ein weiteres Kind. „Diese Männer haben mein Leben zerstört“, sagt sie.

Lucias Vergewaltiger haben sexuelle Gewalt als Kriegstaktik eingesetzt. So zerstören sie systematisch Dörfer im Osten des Kongo. Lucia sagt, sie hat Angst. Ihre Vergewaltiger könnten jederzeit zurückkommen. Dann hält sie eine Axt vor ihr Gesicht.

Lucia steht vor dem Fotografen Josh Estey. Der US-Amerikaner sammelt Fotos und Berichte von Überlebenden wie ihr. Sie fragt ihn: „Gegen wen soll ich denn kämpfen? Meine Angst, meinen Schmerz, meine Verzweiflung oder die Unbekannten?“

Die Fotos und Berichte von Josh Estey erscheinen nun erstmals auf t-online.de. Entstanden sind sie im vergangenen Herbst im Kongo und im Nachbarland Uganda. Die Betroffenen verbergen ihre Gesichter und ihre echten Namen, um sich vor erneuten Überfällen zu schützen.

Wie wird Vergewaltigung zur Kriegswaffe?

Vergewaltigungen werden laut den Vereinten Nationen in 15 Ländern der Welt gezielt als Waffe eingesetzt. In vier Ländern wirken sie noch nach: Bosnien-Herzegowina, Elfenbeinküste, Nepal und Sri Lanka. „Diese Verbrechen sind so alt wie der Krieg selbst“, sagt die UN-Sonderbeauftragte für sexuelle Gewalt in Konflikten, Pramila Patten. „Nur wenige Opfer melden solche Verbrechen, noch weniger zeigen sie an.“ Für jeden Fall, der eine Klinik erreicht, würden zehn bis 20 wahrscheinlich nie behandelt.

Im März hat ein UN-Bericht zu sexueller Gewalt in Konflikten gezeigt: In zehn Ländern der Welt ist die Entwicklung „beunruhigend“. Das gilt zum Beispiel für Afghanistan, Malaysia und für den Kongo. Dort werden immer öfter auch sehr junge Kinder missbraucht, um die Einheimischen zu terrorisieren oder zu erpressen.

Diese Verbrechen beschäftigen die Vereinten Nationen seit Jahrzehnten. Deutschland setzt sich im UN-Sicherheitsrat besonders dafür ein, dass Menschen vor sexueller Gewalt geschützt werden. Das hatte im vergangenen Jahr Erfolg: Nach zähen Verhandlungen verabschiedete der Rat eine von Deutschland eingebrachte Resolution, mit der sexuelle Gewalt in Konflikten bekämpft werden soll.

Doch was hat diese Resolution bislang bewirkt? t-online.de hat Bundesaußenminister Heiko Maas gefragt, der an der Absichtserklärung der UN mitgearbeitet hat. „Wir haben mit der Resolution 2467 einen wichtigen Schritt gemacht“, schreibt er in einer E-Mail. Demnach ermöglicht sie Sanktionen, stärkt die Überlebenden und bezieht auch Themen wie Männer als Opfer sexueller Gewalt ein. Doch Maas schreibt auch: „Bei der Umsetzung der Resolution ist noch viel Arbeit zu leisten, von den Vereinten Nationen aber auch den Mitgliedsstaaten. Wir werden darauf achten, dass das auch geschieht.“

Was wollen die Täter erreichen?

Der Bundesaußenminister vertritt die deutsche Politik auch im Kongo. „Glauben Sie mir, es ist eines, um das schlimme Phänomen von sexualisierter Gewalt in Konflikten zu wissen – ein anderes ist es, betroffenen Menschen in die Augen zu schauen“, schreibt Maas t-online.de. „Die Vereinten Nationen erfassen in den Konfliktregionen im Kongo jeden Tag zwei Fälle sexueller Gewalt. Dabei geht es oft gezielt um die Zerstörung von Familien und ganzen Dörfern, um Vertreibung und Traumatisierung: sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe.“

Im Kongo setzen Milizen, Rebellen und Soldaten Vergewaltigung als Kriegsmittel ein. Diese Methode bewirkt mehr als jede Waffe: An ihr zerbricht die Moral, der Widerstand und zuletzt die Seele. Den Tätern verleiht sie Macht, die Opfer verbannt sie in düstere Einsamkeit. Danach können sich die Vergewaltiger nehmen, was sie wollen.

„Es regiert das Gesetz des Stärkeren“

Doch was wollen die Kämpfer? Die Lage im Kongo ist verworren: Besonders im rohstoffreichen Osten gibt es mehr als 150 Rebellengruppen. Die Kongolesin Taty weiß aus eigener Erfahrung, wie die Täter vorgehen: „Was Sie verstehen müssen, ist, dass die bewaffneten Gruppen nicht gegeneinander kämpfen. Sie bekämpfen die Zivilbevölkerung“, sagt sie. „Die Milizen haben das Land bereits aufgeteilt. Was sie kontrollieren müssen, sind die Versandwege.“ So geraten sie an die Zivilbevölkerung, die sie besteuern, bestehlen oder terrorisieren.

Die folgende Karte zeigt die Zahl der Übergriffe im Kongo zwischen 1997 und 2019. Sie basiert auf gesammelten Berichten von Medien und Organisationen.

Die Täter vergewaltigen allein oder in Gruppen. Fast immer kommen sie ungestraft davon. Entweder sind es Unbekannte von einer Rebellengruppe oder es sind kongolesische Polizisten oder Soldaten, denen Straffreiheit gewährt wird. Sogar Soldaten der UN-Friedenstruppen im Kongo wurden mehrfach des sexuellen Missbrauchs beschuldigt.

Was hinter solchen Verbrechen steckt, hat die schwedische Wissenschaftlerin Nina Wilén im Jahr 2017 erforscht. Sie sprach mit Ex-Kämpfern der ruandischen FDLR-Miliz, die auch im Kongo ihr Unwesen treibt. Einer der Rebellen sagte: „In Zeiten des Krieges gibt es keine Gesetze. Es regiert das Gesetz des Stärkeren.“

Wie wehren sich die Überlebenden?

Doch wer die Überlebenden für schwach hält, verschätzt sich. Seit mehr als zwanzig Jahren ertragen die Menschen im Kongo die Gewalt. Immer wieder demonstrieren sie für Menschenrechte. Im vergangenen Jahr erkämpfte sich das Volk den ersten demokratischen Machtwechsel in der Geschichte des Kongo.

Die Porträt-Fotos von Josh Estey zeigen diese Stärke. Vier Frauen und vier Männer haben sich seiner Kamera gestellt und ihre Schicksale erzählt, obwohl Milizen sie teilweise sogar im Ausland bedrohen. In ihren Händen halten sie Objekte, die die Ausbeutung ihres Landes symbolisieren.

Schlagbereit hält die Kongolesin Taty auf einem der Bilder eine Schaufel in der Hand. Sie hat Josh Estey erzählt, dass sie tagelang von Männern in einem Waldlager vergewaltigt wurde. Seitdem sie sich davon erholt hat, setzt sie sich für andere Betroffene ein. Denn die haben nicht nur mit den psychischen und physischen Folgen der Vergewaltigung zu kämpfen. Manche können dadurch auch ihre Familie verlieren.

Kreislauf von Scham und Stigmatisierung

Ärzte schätzen, dass im Osten des Kongos fast jede dritte Frau sexuelle Gewalt erlebt hat. Auch Männer werden Opfer: Knapp jeder Vierte soll betroffen sein. Dennoch werden Betroffene in weiten Teilen der afrikanischen Gesellschaft gemieden.

Die UN-Sonderbeauftragte Pramila Patten kennt das Problem: Überlebende sexueller Gewalt werden oft in Verbindung mit den Terroristen gebracht oder bekommen das Kind des „Feindes“. In Gebieten im Ostkongo führt die Angst vor Aids dazu, dass Ehemänner ihre Ehefrauen nach sexuellen Übergriffen von Milizionären verlassen. „In diesem Sinne ist es dringend notwendig, die Schuld, die Schande und das Stigma der Vergewaltigung von den Opfern auf die Täter zu verlagern“, sagt Patten.

Sie sagt auch, ein Umdenken habe eingesetzt. Das Schweigen in Zusammenhang mit diesem Verbrechen wurde gebrochen – in der Zivilgesellschaft, bei religiösen Führern wie auch bei staatlichen Sicherheitsleuten.

Dennoch leiden viele Überlebende bis heute unter Angststörungen oder Depressionen, sagt Kongo-Expertin Karen Naimer. Sie leitet das Programm für sexuelle Gewalt in Konflikten für die Hilfsorganisation Ärzte für Menschenrechte. Täter werden im Kongo nur selten für ihre Straftaten zur Rechenschaft gezogen. „Die Täter laufen ungestraft umher und die Überlebenden leben mit enormer Scham, Schuld und Selbstvorwürfen“, sagt die Kongo-Expertin.

Ein Krankenhaus macht Hoffnung

Niemand setzt sich so sehr für die Opfer sexueller Gewalt im Kongo ein wie Doktor Denis Mukwege. Er hat vor zwanzig Jahren das Panzi-Krankenhaus im ostkongolesischen Bukavu eröffnet. Dort werden jährlich Tausende Patientinnen und Patienten mit schweren Genitalverletzungen versorgt. Dafür hat Mukwege 2018 den Friedensnobelpreis erhalten.

Auch Bundesaußenminister Heiko Maas kennt den 64 Jahre alten Kongolesen. Er schreibt: „Die Arbeit, die dort (im Panzi-Krankenhaus) geleistet wird, gegen sexuelle Gewalt in Konflikten und für ein menschenwürdiges Leben der Opfer, verdient unsere volle Unterstützung.“

Mukwege repariert, was er reparieren kann. Seine jüngste Patientin war ein Baby im Alter von sechs Monaten. Die Älteste war über 80 Jahre alt. Er weiß, dass Vergewaltigung die Macht hat, Familien auseinanderzureißen. Darum hilft sein Team, wo es kann, vermittelt Kontakte, berät oder hört den Betroffenen einfach nur zu. Im Video oben erfahren Sie mehr.

Die Ohnmacht der UN-Friedenssoldaten

Doch an der Situation im Kongo ändert sich kaum etwas. Im Gegenteil: Die sexuelle Gewalt nimmt derzeit wieder zu. Bewaffnete Gruppen konnten sich in ländlichen Bereichen ausbreiten, auch weil die Regierung ihre Truppen vielerorts abgezogen hat. In solchen Zeiten sollen eigentlich die 15.000 Blauhelm-Soldaten für Sicherheit sorgen, doch die kommen meist viel zu spät. Das zeigt: Obwohl die sogenannte Monusco die größte Friedensmission der UN ist, reicht sie für den Kongo offenbar nicht aus.

Besonders dramatisch ist derzeit die Lage in der östlichen Provinz Ituri. In weniger als einem Jahr starben dort bei Angriffen der Lendu-Rebellen mindestens 700 Menschen der Hema-Minderheit. Die UN registrierte mehr als 140 Vergewaltigungen. Die Zahl der Attacken werde vermutlich weiter steigen, hieß es.

Nun soll gegen die Lendu wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit ermittelt werden. Die Begründung der UN: „Die Grausamkeit, die diese Attacken ausmacht, (…) spiegelt den Wunsch der Angreifer wider, den Hema ein dauerhaftes Trauma zuzufügen und sie mit Gewalt zur Flucht zu zwingen.“

Doch viele Kongolesen haben das Vertrauen in die Soldaten der UN verloren. Im Dezember gab es sogar Proteste im Kerneinsatzgebiet Beni. „Wir fordern, dass die Blauhelme unser Land verlassen! Sie schützen uns nicht“, sagte einer der Demonstranten der „Deutschen Welle“.

Ein Grund für die harschen Reaktionen ist, dass die Blauhelm-Soldaten oft viel zu spät kommen. Das Gebiet, das sie überwachen müssen, ist sehr groß und die Infrastruktur ist schlecht. Sie kommen, machen Fotos, befragen die Menschen – und gehen wieder. Für die Menschen vor Ort ändert sich dadurch nicht viel.

Was ist die Lösung?

Trotz der Widerstände hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen das Mandat der Friedensmission im Kongo im Dezember verlängert. Das soll so bleiben, bis im Kongo wieder Sicherheit herrscht. Bundesaußenminister Maas sagt deutlich: Ein Abzug der Truppe wird sich an den Bedingungen vor Ort, nicht am Kalender orientieren.

In einigen Regionen haben die Blauhelm-Soldaten Erfolg, sagt UN-Sonderbeauftragte Pramila Patten. Seit einem Einsatz von UN, Polizei und Helfern in der Region Shabunda sei dort sexuelle Gewalt um 40 Prozent gesunken. Das zeige auch, dass die Professionalisierung des Sicherheitssektors im Kongo „ein entscheidender Schritt“ sei.

Und genau daran mangelt es noch, wie im Januar eine unabhängige Untersuchung im Auftrag der UN gezeigt hat. Sie kritisierte den Blauhelmeinsatz im Kongo: Um die Zivilbevölkerung besser zu schützen, müssten Fähigkeiten, Mobilität und Moral der Monusco-Truppen verbessert werden, hieß es in dem Bericht. Es sei entscheidend, den Einsatz von Blauhelm-Soldaten besser mit der kongolesischen Armee abzustimmen.

Doch es fehlt auch eine gemeinsame Strategie mit der kongolesischen Regierung. Heiko Maas fordert „mehr Eigenengagement“ von der kongolesischen Regierung. Auch die UN-Sonderbeauftragte Pramila Patten sagt: „Als Vereinte Nationen können wir die Bemühungen nationaler Regierungsbeamter und -institutionen unterstützen, aber niemals ersetzen.“

Es wäre ein Anfang, wenn die Regierung die Straflosigkeit der staatlichen Sicherheitskräfte beendet, sagt Franziska Ulm-Düsterhöft von Amnesty International in Deutschland. Etwa ein Drittel der sexuellen Gewalt gehen von offiziellen Soldaten oder Polizisten aus, Gerichtsurteile können dagegen ein starkes Zeichen setzen.

Ein Urteil gibt schon jetzt Hoffnung: Ein Gericht im Ostkongo verurteilte 2017 elf Ex-Milizionäre wegen Massenvergewaltigungen von Kindern. Sogar ein Lokal-Politiker musste in Haft. Das war einmalig in der Geschichte des Landes. Erkämpft wurde es von unter anderem von Angestellten des Panzi-Krankenhauses.

Die „Männer der Hoffnung“

In den neunziger Jahren behandelte Doktor Mukwege vergewaltigte Frauen. Heute, sagt er, repariert er ihre Töchter. Er warnt davor, dass die Täter immer brutaler vorgehen. Worüber der Arzt allerdings selten spricht, sind die Männer, die in diesem Krieg ebenfalls gebrochen werden.

Der Fotograf Josh Estey hat vier von ihnen getroffen. Sie nennen sich die „Männer der Hoffnung“ und finden Schutz in einem Flüchtlingsprogramm in Uganda. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, von ihren traumatischen Erfahrungen zu erzählen. Damit brechen sie ein gesellschaftliches Tabu in Afrika.

„Wir zeigen dir, dass du kein Mann bist“

Einer von ihnen nennt sich Alain. Er zeigt Josh Estey seine Narben. „Es war 20 Uhr, da haben sie mit einer Waffe auf die Tür geschossen, uns angeschrien und uns beschuldigt, Sympathisanten der Rebellen zu sein“, erzählte er. Die Angreifer sagten: „Wir zeigen dir, dass du kein Mann bist.“ Sie wiederholten das immer wieder.

„Sie haben mir in den Rücken geschossen. Sie legten ein Kabel um meinen Hals und fingen an, mich zu würgen. Die Soldaten packten mich und hielten mich fest. Sie sagten: ‚Wir werden dich vergewaltigen.‘ Und sie wechselten sich ab.“

Ein Nachbar fand die Familie: Alains Vater war tot, seine Mutter, seine Schwester und er waren schwer verletzt. Mit starkem Darmbluten lag Alain am Boden, er musste notoperiert werden. „Im Krankenhaus kam ein Pastor zu mir und sagte: ‚Sei nicht traurig. Fürchte dich nicht.‘ Und ich sagte ihm: ‚Wenn ein Mann vergewaltigt wird, wie kann er jemals ein Mann sein?‘ Da wurde mir klar, dass ich fliehen musste.“

Seit er das Krankenhaus verlassen hat, hat Alain seine Mutter und seine Schwester nie wiedergesehen. Er ist inzwischen 35 Jahre alt. „Wenn ich meine Geschichte erzähle, so wie jetzt gerade, gehe ich danach nach Hause, fühle mich allein und dann läuft alles wieder wie ein Film ab. Dann durchlebe ich diese Sache, das Trauma.“

„Ich will für meine Kinder eine Zukunft“

Ähnlich haarsträubend klingen die Berichte anderer Männer, die Josh Estey gesammelt hat. Viele Betroffene sind heute zeugungsunfähig und haben ihre Familien verloren. Auch Baraka hat sehr gelitten. Doch seine Geschichte hat ein Happy End.

„Ich war ein kultureller Führer in meinem Dorf, aber die Lokalregierung und ich hatten widersprüchliche Ansichten“, beginnt seine Geschichte. Mehrfach wurde Baraka verhaftet und gefoltert. Doch mit seiner Familie gelang ihm die Flucht ins Nachbarland Uganda.

„Ich bin mitten in der Nacht von schrecklichen Albträumen aufgewacht. Ich schlief dann tagsüber und blieb nachts wach. Ich war sehr reizbar. Ich hatte keine sexuelle Lust mehr. Ich ging durch das Leben wie in einer Wolke. Es war, als wäre ich nicht mehr am Leben. Ich verlor auch das Vertrauen in Menschen. Ich bin sogar vergesslich geworden und bekam manches einfach nicht mehr auf die Reihe“, erzählt Baraka.

Trotzdem begann für ihn in Uganda ein neues Leben: Er machte mit seiner Ehefrau eine Therapie und fand die „Männer der Hoffnung“. „Da habe ich kapiert, dass ich nicht allein bin. Ich habe Jahre gebraucht, bis ich meine Geschichte erzählen konnte, aber die Treffen mit den ‚Männern der Hoffnung‘ haben mir den Mut dazu gegeben.“

Inzwischen hat Baraka wieder Kraft geschöpft. „Ich war zuerst ein Opfer, dann ein Überlebender und jetzt bin ich Aktivist. Mein neues Leben soll damit beginnen, dass ich helfe, diese Verbrechen aufzuhalten“, sagt er. „Ich will für meine Kinder eine Zukunft aufbauen.“

Autorin | Sarah Thust

Zuletzt aktualisiert | 07.02.2020

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