In einer leichten Brise verschmelzen die zahlreichen Sprachmelodien, die mein Ohr bereits nicht mehr ordnen kann. Die Berliner Frühlingsluft treibt Bewohner und Touristen in den Sonnenschein – vor allem an die Spree. „Aman Iman,“ sagt das Wüstenvolk der Tuareg, „Wasser ist Leben.“ Was in Afrika wahr ist, gilt auch in Berlin. Entlang der sanften Kurven der Spree entfaltet sich eine paradiesische Welt voller Reichtümer und Überfluss. Hiervon will ich erzählen.

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Grimmig schauen die vier Gäule und die Siegesgöttin herab auf die gut gelaunten Touristen, Entertainer und Trickbetrüger. Die Quadriga-Plastik bewacht das Brandenburger Tor und ist schon weit gereist. Nach der Niederlage Preußens im Jahre 1806 verschleppte Napoleon sie nach Paris und wurde damit zum „Pferdedieb von Berlin“. 1814 kam die „Retourkutsche“ und Generalfeldmarschall Blücher gab die Zurückführung der gestohlenen Quadriga bekannt.

Ich laufe im Slalom durch Riesenseifenblasen, vorbei an Pantomimen, fotografierenden Touristen und Freestyle-Tänzern, um dem rund 200 Jahre alten Bauwerk näherzukommen. Eine angeblich taubstumme Osteuropäerin im Jogginganzug schneidet mir den Weg ab und streckt mir gelangweilt ein Spendenformular entgegen. Ich winke ab, kenne die Abzockemasche und frage mich, wer heute noch darauf hereinfällt. Die Taubstumme dreht sich um und plaudert mit ihrer Kollegin.Angesichts der Touristenmassen hat wohl der strenge Blick der Siegesgöttin seinen Zauber verloren und ich gehe weiter zum Reichstagsgebäude, das Künstler Christo einst als einsamen Monolithen auf seinem Platz bezeichnete.

Am 24. Juni 1995 haben Christo und seine Partnerin Jeanne-Claude vierzehn Tage lang den Sitz des Bundestages, „ein trivialer viktorianischer Bau“ (Christo), verhüllt. Christo sagte damals der ZEIT: „Nicht der Einfall, sondern die Durchführung ist das Entscheidende. Kein Theaterregisseur kann den vierundzwanzig Jahre dauernden Kampf inszenieren, den wir ausfechten mussten, um das Reichstagsprojekt zu verwirklichen.“

Das Erlebnis des Raums, das Christo in seinen Werken in den Vordergrund stellt, und die Vergänglichkeit spüre auch ich, während eine klirrende Brise über den winterkahlen Platz fegt.

Ich suche mir einen windgeschützten Platz links hinter dem Reichstag und gelange endlich an die Spree. Aufatmen. Die satten Sonnenstrahlen verleihen sogar Glas und Stahl ihren Charme und das plätschernde Wasser beruhigt die nervösen Schritte der Touristen, die plötzlich viel weniger fremd wirken.

Lange nichts. Vor mir liegt eine breite Uferpromenade an der die Zeit stehen bleibt. Vogelzwitschern beruhigt den Großstadtnerv, bunte Graffitis lösen die Alltagsmonotonie, blauer Himmel gibt Leichtigkeit. Vorbei an Spaziergängern, Joggern und Radfahrern, will ich zum Flohmarkt auf der Museumsinsel.

In Berlin bin ich zur Jägerin geworden. Meine Beute ist leicht entflammbar, mitunter kiloschwer und bestenfalls vergilbt. In zwei Monaten habe ich knapp 20 alte Bücher auf Berliner Flohmärkten gekauft. Grund für meine Sammelwut: Nachdem ich zwei Jahre lang in Kambodscha nur begrenzten Zugang zu deutschen Büchern hatte, weiß ich sie nun umso mehr zu schätzen.

Die Museumsinsel, bestückt mit beeindruckenden historischen Gebäuden, ist im Wandel. Zahlreiche Baustellen stören das Bild des UNESCO-Weltkulturerbes, das zu einem „zukunftsfähigen Museumskomplex“ ausgebaut werden soll.

Nach dem Flohmarkt muss ich nicht lange suchen, denn er verläuft direkt hinter der Brücke und wird später zu einem Kunstmarkt. Bereits nach kurzer Zeit entscheide ich mich für „Stromab, stromauf“ von Valentin Rasputin. Lächelnd lese ich:

Jedesmal kam er von seinen Reisen erfüllt von einem besonderen, inneren Sinn zurück; es war, als strömte ihm dabei frisches Blut zu, das etwas Neues, Scharfes in die gewohnte, ausgeglichene Welt seiner Gefühle brachte.

Valentin Rasputin, Schriftsteller

Da der Wind am Spreeufer stärker wird, laufe ich zur Friedrichstraße und fahre eine Haltestelle mit der S-Bahn zum Hauptbahnhof. Dass Sonntag ist, ist selbst hier zu spüren. Nur wenige Passagiere hetzen zum Gleis, viele bummeln an Schaufenstern vorbei oder trinken einen Eiskaffee. Mir hat die Fahrt und eine Currywurst gereicht, um mich aufzuwärmen und ich wage mich wieder ans Spree-Ufer.Nicht weit vom Hauptwohnsitz des Bundespräsidenten, dem Schloss Bellevue, entfernt, liegt das kambodschanische Restaurant „Angkor Wat“. Hier durfte ich Kambodscha zum ersten Mal schmecken und habe mich in meine zweite Heimat verliebt. Mit Liebe sind auch die Speisen zubereitet und serviert wird der beste Palmwein. Ein Getränk bei dem sich die Haare sträuben. So wird er in Kambodscha getrunken:

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Palmweintrinken in Kambodscha © htr

Ob gebratene Ente, Lok Lak, Amok, Prahok, Curry oder andere kambodschanische Leckerbissen, „Angkor Wat“ in Berlin war unvergesslich.

Nun zieht es mich auf Berlins einzige Insel: Moabit. Wieder laufe ich an der Spree, durch einen breiten Park. Auf der grünen Wiese an der Spree tummeln sich im Sommer Hunderte. Um diese Jahreszeit ist es ruhiger, Schiffe sind keine unterwegs und das bringt Ruhe. Jugendliche spielen Basketball, Pärchen gehen spazieren und Radfahrer halten sich fit. Wieder ist die Spree belebt und ich genieße die Sonnenstrahlen.

„Moabit ist Beste“ lautet der Werbeslogan des Stadtteils. Moabit ist anders – und schön. Aber davon ein anderes Mal mehr.

Meine Tour endet am Alexanderplatz. Ich sitze in einer kleinen Cocktailbar mit ausgezeichneten Drinks für nur 4,50 Euro in der Happy Hour und beobachte die Passanten. Plötzlich fällt ein feiner Regenschleier herab und am Himmel über dem Alexanderplatz entstehen zwei Regenbögen. Feierabendstimmung. Berlin ist eine tolle Stadt an Sonntagen.