Ich schiebe mich durch die Menschenmenge am Boxhagener Platz auf den Trödelmarkt. Wieder strahlt die Sonne in Berlin und – von jung bis alt – treffe ich auf einen Querschnitt der Friedrichshainer Bevölkerung. Bei Burger, Buch und Bier werde ich meine Woche ausklingen lassen in Berlins Szeneviertel. 

Blog Sarah ThustZugegeben, ein Geheimtipp ist der Trödelmarkt nicht mehr, aber er ist übersichtlich und gemütlich. Es riecht nach alten Büchern, Schallplatten und antike Möbel erinnern an alte Zeiten. Ein Stand kostet 14 Euro am Tag, private und professionelle Händler sind bunt gemischt.

Wieder will ich meine Sucht nach Lesestoff befriedigen, und ich bin auf der Suche nach einem tauglichen Küchenradio. Für 15 Euro finde ich ein Gerät von Nokia aus den 80ern. Damals war der Hersteller aus dem finnischen Espoo noch ein Hauptarbeitgeber des Landes. Seitdem jedoch iPhone den damals noch weltweit größten Mobilfunkhersteller vom Thron gestürzt hat, mussten die Finnen lernen auf eigenen Beinen zu stehen und haben mithilfe ihres alten Arbeitgebers eine solide Start-up-Szene entwickelt.

Nur wenige Meter zupft ein spanischer Reggae-Sänger die Saiten seiner Gitarre und wieder grinse ich, weil Berlin ohne seine Straßenmusiker nicht so sympathisch wäre. An einem der Bücherstände sticht mir ein vertrauter Name ins Auge: Paul Valéry. Vier Monate lang habe ich im französischen Montpellier an der nach ihm benannten Universität studiert, aber nie habe ich hinterfragt, wer er ist. Für 2,50 Euro kann ich dem 100-Seiten-Buch „Monsieur Teste“ nicht widerstehen. Es gibt interessante Einblicke:

Ich bin nicht dumm, weil jedesmal, wenn ich mich dumm finde, ich mich verneine – ich mich töte.

„Monsieur Teste“, Buch von Paul Valéry

Auf dem Weg zum Burgeramt, wo mich ein Halloumiburger mit Erdnusssoße erwartet, rennt mir ein Jack-Russel-Terrier in Lederjacke vor die Füße. Die Berliner scheinen derzeit großen Wert auf Hundemode zu legen, denn der Kleine – auch sein Herrchen trägt eine Lederjacke – ist nicht der einzige Angezogene heute. Noch mehr von seiner Art begegnen mir auch bei meinem Verdauungsspaziergang im Volkspark Friedrichshain.

Der älteste Berliner Volkspark wurde zum Gedenken an den 100. Jahrestag der Thronbesteigung Friedrichs des Großen geplant und nach 1846 angelegt. Mich zieht es in das Zentrum des Parks zu den ehemaligen Flakbunkern.

Bild Gesprengter Bunker in Friedrichshain (August 1949) © Otto Donath, ADN

Sie wurden 1946 gesprengt und an ihrer Stelle stehen heute zwei Hügel auf denen bei so viel Sonnenschein etliche Spaziergänger unterwegs sind.

Auf dem Rückweg komme ich vorbei am sozialen Erhaltungsgebiet Petersburger Straße. Hier, in der Nähe des Szenekiezes um die Simon-Dach-Straße, bietet Berlin niedrigere Mietpreise für Bewohner, die seit vielen Jahren in diesem Viertel leben.

Wenige Meter entfernt finde ich noch ein Friedrichshainer Kulturgut – die Kneipe „Zum Friedrichshainer.“ Es erinnert an die Zeiten als den Anwohnern Bar, Bier und Billardtisch noch genug waren. Dass sich Touristen sonst nie in das 20 Jahre alte Lokal verirren, zeigen mir die verwirrten Blicke der zwanzig Stammkunden an der Theke. Während sie über die deutsche Politik und Alltagsprobleme diskutieren, lasse ich meine Sonntagstour bei einer Partie Billard und einem Pils ausklingen.