Die COVID-19-Pandemie fördert Verschwörungstheorien zutage, die von den Medien lange übersehen wurden. Vorschnelle Berichterstattung und fehlende Medienkompetenz in der Bevölkerung tragen dazu bei, dass sie Gehör finden. Ein Meinungsbeitrag. 

Blog Sarah ThustWas haben AIDS und COVID-19 gemeinsam? Beide Krankheiten haben in unserer Gesellschaft für große Verunsicherung gesorgt. Und mancher behauptet, dass es sie eigentlich gar nicht gibt. Eine Spurensuche erklärt, welche Verantwortung die Medien in solchen Krisen tragen.

Der Unterschied zwischen Medienkritik und Verschwörungstheorien

Im November 2005 erhielt ich eine Übungsaufgabe an der Universität Leipzig, die mir noch lange in Erinnerung bleiben sollte. Damals behauptete der Journalist Thorsten Engelbrecht, dass der Zusammenhang zwischen dem HI-Virus und der Krankheit AIDS nicht nachgewiesen sei. Könnte es sein, dass die Krankheit AIDS gar nicht existiert? Hatten sich die Medien zu voreiligen Schlüssen hinreißen lassen? Gemeinsam mit einem Kommilitonen machte ich mich auf die Suche nach der Wahrheit.

Zu diesem Zeitpunkt hatte der Journalist schon in einer Medienzeitschrift zum Thema veröffentlicht. Er kritisierte vor allem eines: eine vorschnelle und plakative Berichterstattung der Medien über AIDS und HIV. Man habe nach Bekanntwerden der Krankheit zu sehr Panik verbreitet und voreilige Schlüsse gezogen. In seinen Texten lieferte er zahlreiche Belege, die auf den ersten Blick spannend wirkten.

„Schnell konnten wir grobe Recherche-Fehler aufdecken“

Doch unser Faktencheck führte zu einem anderen Schluss: Wir sprachen mit Engelbrecht und stellten fest, dass er offenbar schon von seiner These überzeugt war, bevor er sie überhaupt belegen konnte. Seine Quellen waren teilweise bedenklich alt, manche galten sogar als widerlegt. Zudem hatte er seinen Lebenslauf beschönigt, konnte keine besondere Fachkompetenz vorweisen. Einigen kritischen Nachfragen wich er aus. Nach einem prüfenden Blick auf seine Quellen schrieben wir in unserem Recherchebericht: „Schnell konnten wir grobe Recherche-Fehler aufdecken. Es begegneten uns falsch übersetzte Textstellen und etliche Aussagen, die einfach aus dem Zusammenhang gerissen waren.“

Als wir weitere Experten auf dem Gebiet befragten (u.a. die AIDS-Hilfe in Leipzig und die Abteilung Virologie und Tropenmedizin im Universitätsklinikum Leipzig), erweiterte sich unser Blickfeld erneut: Sie machten uns auf die Gefahren eines solchen Artikels aufmerksam. Durch solche Texte wird die Vorsicht der Menschen vor sexuell übertragbaren Krankheiten verringert. Zudem infizierten sich laut Engelbrechts Recherche nur Drogenabhängige und Homosexuelle mit der Krankheit. „Die soziale Isolation von AIDS-Kranken wird dadurch also noch verstärkt“, sagten die Experten.

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Die Krux der Wissenschaft ist es, in Zeiten der Krise möglichst schnell Lösungen zu finden. (Symbolbild)

COVID-19: Derselbe „Experte“ spricht vom „Virus-Wahn“

Vier Jahre später gelang es dem Journalisten dennoch, ein Buch mit dem Kieler Internisten Claus Köhnlein zu veröffentlichen. Der Titel: „Virus-Wahn: Schweinegrippe, Vogelgrippe, SARS, BSE, Hepatitis C, AIDS, Polio / Wie die Medizin-Industrie ständig Seuchen erfindet und auf Kosten der Allgemeinheit Milliarden-Profite macht“. Dr. Köhnlein zweifelt nun auch in der Coronavirus-Pandemie die Zuverlässigkeit der Tests und die Gefahr von SARS-CoV-2 an (Faktencheck von Mimikama).

Daran sieht man, was überzeugt formulierte Thesen bewirken können. Selbst wir als Journalisten waren überrascht von den ungewöhnlichen Behauptungen. Bis zuletzt versuchten wir dem Thema unvoreingenommen auf den Grund zu gehen. Ein ausführlicher Faktencheck kostete uns mehrere Wochen.

Die COVID-19-Pandemie zeigt nun: Verschwörungstheorien finden schon seit vielen Jahren Gehör. Fast jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der an den „Virus-Wahn“ oder gar an irgendwelche geheimen Absprachen glaubt. Wer sich im Internet auf die Spur solcher Theorien begibt, der landet irgendwann auch bei Begriffen wie Bilderberg, Freimaurer oder Rothschild. Die fallen zum Beispiel in verschiedenen Videos, die einem u.a. auf YouTube vorgeschlagen werden. Das zeigt Suchinteresse an Begriffen wie Bilderberg, Freimaurer und Rothschild zeigt: all das ist nicht neu.

Der Anstieg des Suchinteresses für den Begriff „Verschwörungstheorien“ ist vermutlich der aktuellen Berichterstattung der Medien zuzurechnen. Sicher sagen lässt sich das jedoch nicht. Was die Grafik aber zeigt, ist dass sich die Menschen offenbar schon lange für solche Themen interessieren. In den Medien sind darüber jedoch selten Hintergründe zu finden. Warum? Viele solcher Treffen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker, die den Medien oft auch vorwerfen, sie seien instrumentalisiert.

Aus meinem redaktionellen Alltag kann ich sagen: Das ist Quatsch. Journalisten machen ihre Arbeit so gut es irgendwie geht. Natürlich fehlt hier und da die Zeit, sicherlich unterlaufen dabei auch Fehler. Doch es gibt ihn nicht, den Zensor an der Spitze der Redaktion, der alles kontrolliert oder löscht. In guten Redaktionen ist stets das Motto: An die Öffentlichkeit gehört, was ausreichend belegt werden kann. Auf Verschwörungstheorien trifft das nicht zu.

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Medienkompetenz angehender Lehrkräfte darf nicht dem Zufall überlassen werden. (Symbolbild)

Wir brauchen ausführliche Erklärungen und sinnhafte Deutungen

Dennoch tragen die Medien eine große Verantwortung. Wer zu schnell, zu kleinteilig berichtet oder Kontexte außer Acht lässt, der lässt die LeserInnen damit allein. Das kann das Gefühl von Angst und Bedrohung, das viele Menschen in diesen Tagen haben, verstärken. Das können Sie zum Beispiel in einem älteren Bericht von „Zeit Online“ nachlesen. Aktuell kann ich diesen Text über eine Untersuchung der Marktforschungsagentur „Eye Square“ empfehlen.

Dort schreibt der Research Director Matthias Rothensee: „In der öffentlichen Kommunikation sollte deshalb begonnen werden, der gestaltlosen Bedrohung, die von den Corona-Nachrichten ausgeht, andere Bilder und weitere emotionale Töne entgegenzustellen. Dies kann durch ausführliche Erklärungen, sinnhafte Deutungen des Geschehens und vor allem durch menschliches Beispiel und Vorbild geschehen. Das ist notwendig, um statt der reinen Vermeidung umfangreichere Bewältigungsstrategien anzubieten. Die politische Führung hat die Aufgabe, Stimme und Gesicht zu zeigen, um damit emotionale Orientierung, Klarheit und Sicherheit zu vermitteln. Die Kommunikation sollte über bekannte Rituale wie dem Händewaschen oder geänderten Wegen wie beim Verzicht auf den ÖPNV hinausgehen. Geeignet könnten hier z.B. Darstellungen von erfolgreich genesenen Einzelpersonen sein, um sich an deren Mustern zu orientieren.“ Ich finde: Damit hat er Recht.

Medienkompetenz nicht nur Journalisten überlassen

Doch was viel wichtiger ist, haben Politik und auch die Medienbranche viel zu lange versäumt. Wo waren die Journalisten in den Schulen, als den Tageszeitungen die Auflagen wegbrachen und die Menschen sich immer öfter in den Sozialen Medien informierten? Ich habe in meiner Schulzeit in Sachsen jedenfalls nicht gelernt, was Medienkompetenz bedeutet. Die klassische Zeitung spielte im Unterricht kaum eine Rolle, Faktenchecks auch nicht. Das war auch in den folgenden Jahrgängen noch so – und genau darin sehe ich ein großes Versäumnis.

Ein Leser oder eine Leserin muss in der Lage sein, einen Bericht oder ein Video selbst einordnen zu können. Ein Blick ins Impressum der Seite, ein kurzer Check der Quellen und das allgemeine Hinterfragen sollten Fähigkeiten sein, die in einer demokratischen Gesellschaft geschult werden. Inzwischen findet das an vielen Schulen auch statt, doch eben nicht überall (u.a. Programme wie „Medienkompetenz macht Schule“).

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Dabei ist es umso wichtiger, dass der kritische Blick auf Texte im Internet und wissenschaftliche Studien nicht nur Journalisten überlassen bleibt. Die sollten ihrerseits auch dankbar sein, wenn sich mal ein Leser mit einer alternativen Theorie meldet. Vielleicht ist da ja etwas dran? Und selbst wenn nicht: aufklären, erklären und mit viel Ausdauer aushalten kann den einen oder anderen Verirrten vielleicht noch retten. Bloß nicht herablassend werden!

Gerade in Zeiten von Fake News und hassgetriebener Propaganda müssen die Menschen in der Lage sein, eine gesunde Skepsis zu pflegen. Das kann für Redakteure und Journalisten unbequem sein und macht viel Arbeit. Die Redaktionshäuser sollten das ihrerseits auch anerkennen, indem sie ihren Mitarbeitern auch die Zeit dafür einräumen und den Dialog mit ihren Lesern pflegen. Am Ende können diese gesunde Skepsis und das Hinterfragen nämlich dafür sorgen, dass unsere Gesellschaft demokratisch, fair und frei bleibt.

 

Anmerkung der Autorin: Der Begriff „Verschwörungstheorien“ steht zu Recht in der Kritik, da solche Thesen meist unzureichend belegt sind. In diesem Text wird der Begriff dennoch verwendet, da er in diesem Kontext angemessen ist und derzeit von vielen Usern gesucht wird. Dennoch möchte ich Sie auf diesen Bericht von Deutschlandfunk Kultur aufmerksam machen:

 

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