Über den Telegram-Messenger wird verbreitet: In Brasilien habe sich ein Arzt freiwillig gegen Corona impfen lassen und sei kurz danach verstorben. Dabei wird Kontext ausgelassen: Der Mann hatte zwar Medienberichten zufolge an einer Impfstudie teilgenommen, jedoch mutmaßlich nur ein Placebo erhalten. Er sei nicht an der Corona-Impfung gestorben.

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In Brasilien sei ein 28-jähriger Arzt nach einer Corona-Impfung gestorben, wird auf Facebook und Telegram verbreitet. In den Beiträgen heißt es: Der Arzt habe sich freiwillig gegen Covid-19 impfen lassen und „litt an keinerlei Vorerkrankungen“. Die Medien in der Türkei hätten darüber berichtet, in Deutschland verschweige man das Thema. Allein in der Telegram-Gruppe „Q-Anons“ wurde der Beitrag seit dem 7. Dezember mehr als 256.000 Mal gesehen. 

Recherchen von CORRECTIV zeigen: Der Arzt nahm an einer Impfstudie teil und ist verstorben. Alles deutet jedoch darauf hin, dass er nur ein Placebo bekam und an einer Covid-19-Infektion starb. Der Impfstoffhersteller und die Behörden gaben dazu zwar keine offiziellen Informationen heraus, doch eine Anfang Dezember veröffentlichte Studie weist darauf hin.

Ein brasilianischer Arzt sei nach einer Corona-Impfung gestorben, wird in diesem Telegram-Beitrag behauptet. Das stimmt nicht.
Ein brasilianischer Arzt sei nach einer Corona-Impfung gestorben, wird in diesem Telegram-Beitrag behauptet. Das stimmt nicht. (Quelle: Telegram / Screenshot: CORRECTIV)

Deutsche und internationale Medien berichteten über den Todesfall 

Die Beiträge beziehen sich auf ein Video der türkischen Nachrichtensendung Show Ana Haber vom 6. Dezember 2020. Darin gehe es um einen brasilianischen Arzt, der sich freiwillig gegen Covid-19 impfen lassen habe und danach verstorben sei, wird in deutschsprachigen Beiträgen in Sozialen Netzwerken verbreitet. CORRECTIV hat das türkische Original-Video geprüft, die Übersetzung ist korrekt. Dem Bericht fehlt jedoch wesentlicher Kontext.

Mehrere Medien berichteten im Oktober über den Fall des 28-jährigen Arztes und Studien-Probanden – auch in Deutschland. Das ZDF schrieb zum Beispiel am 22. Oktober: „Nach Placebo-Gabe: Proband von Corona-Impfstoffstudie stirbt“. Der Mann hat laut BBC freiwillig an einer klinischen Versuchsreihe zum Impfstoff „ChAdOx1-S“ (auch AZD1222 genannt) teilgenommen, der seit April durch den Pharmahersteller Astra-Zeneca in Zusammenarbeit mit der britischen University of Oxford getestet wird. 

Das Ergebnis von Phase I/II der Studie wurde im Juli 2020 veröffentlicht, Ende Mai ging die Versuchsreihe in Phase II/III in Großbritannien über. Im Juli begannen dann unter anderem auch in Brasilien Phase-III-Studien, an denen der Verstorbene offenbar teilnahm. 

Das habe die brasilianische Behörde für Gesundheitsüberwachung Anvisa (Agência Nacional de Vigilância Sanitária) am Mittwoch, dem 21. Oktober mitgeteilt, berichteten unter anderem CNNReuters und die BBC. Anvisa teilte demnach mit, dass die Behörde am Montag, dem 19. Oktober über den Tod benachrichtigt worden sei. Es sei aus Gründen der medizinischen Privatsphäre unklar, ob der Verstorbene ein Placebo oder die Corona-Impfung erhalten hatte. Auch Astra-Zeneca teilte laut Bloomberg mit, dass sich das Unternehmen aufgrund der Vertraulichkeit der Daten für die klinische Studie nicht zu dem Fall äußern könne.

Wir haben zudem selbst bei der brasilianischen Gesundheitsbehörde Anvisa und AstraZeneca nachgefragt, jedoch bislang keine Antwort erhalten (Stand: 10. Dezember 2020).

Der Arzt starb laut Medienberichten und seiner Universität durch Covid-19 

Mehrere brasilianische Medien zeigten Fotos des Mannes und berichteten, dass der Arzt, der mit Corona-Patienten arbeitete, durch Covid-19 gestorben sei. Ein weiterer Hinweis dafür ist ein Beileidsschreiben vom 21. Oktober des Pfarrhauses der Bundesuniversität von Rio de Janeiro (UFRJ), wo der junge Mediziner seinen Abschluss gemacht hatte. Darin war ebenfalls sein Foto zu sehen und es hieß: „Mit großem Bedauern wurde dem Pfarramt der UFRJ bekannt, dass unser ehemaliger Student João Pedro Rodrigues Feitosa am vergangenen Donnerstag, dem 15. Oktober, aufgrund von Komplikationen durch Covid-19 verstorben ist.“

„Abschied von João Pedro Rodrigues Feitosa“, schreibt die Bundesuniversität Rio de Janeiro.
„Abschied von João Pedro Rodrigues Feitosa“, schreibt die Bundesuniversität Rio de Janeiro. (Quelle: Bundesuniversität Rio de Janeiro / Screenshot: CORRECTIV)

In Berufung auf eine Lungenärztin und Wissenschaftlerin namens Margareth Dalcolmo berichtete auch CNN Brasil, dass der junge Mann aus Rio de Janeiro nicht aufgrund einer Corona-Impfung verstorben sei, sondern an einer Covid-19-Erkrankung. Auch die Wissenschaftlerin wies darauf hin, dass es vertraulich sei, ob er den Impfstoff oder ein Placebo erhalten habe. Jeder Kommentar dazu sei rücksichtslos, es sei nicht möglich, diese Informationen zu veröffentlichen. Er sei aufgrund der Ausübung seiner Arbeit als Arzt erkrankt. 

Zudem sagte der ehemalige Präsident von Anvisa, Gonzalo Vecina Neto, laut CNN Brasil, dass der Tod des Mannes wahrscheinlich nichts mit dem Impfstoff zu tun gehabt habe. Wenn es anders gewesen wäre, wäre die Phase drei der Studie unterbrochen worden, was sie jedoch nicht wurde.

Die University of Oxford teilte CNN in einer E-Mail mit, dass man nach sorgfältiger Bewertung des Falles in Brasilien zu dem Schluss gekommen sei, dass es keinerlei Bedenken bezüglich der Sicherheit der klinischen Studie gebe. Auch eine unabhängige Prüfung durch die brasilianische Regulierungsbehörde habe empfohlen, die Studie fortzuführen.

Auch das D’Or-Institut für Forschung und Bildung (Idor), das Tests in Rio de Janeiro verwaltet, teilte laut CNN Brasil mit, dass trotz des Todes eines Freiwilligen „die strenge Analyse der bisher gesammelten Daten keine Zweifel aufkommen lässt in Bezug auf die Sicherheit der Studie“. 

Zwischenanalyse der Studien: Kein Todesfall stand in Verbindung zur Corona-Impfung 

Was bekannt ist: In den Versuchsreihen gibt es stets eine Versuchs- und eine Kontrollgruppe. Die Versuchsgruppe erhält den Covid-19-Impfstoff. Die Kontrollgruppe bekommt stattdessen einen lizenzierten Impfstoff gegen Meningitis oder eine Kochsalzlösung. So wird es auch in einer Zwischenanalyse der Forscher aus Oxford vom 8. Dezember beschrieben, die im Magazin The Lancet erschienen ist.

Der Mann aus Brasilien sei Teil der Kontrollgruppe gewesen und habe den Impfstoff gegen Covid-19 nicht erhalten, schrieben Bloomberg und Reuters unter Berufung auf eine anonyme Quelle. Die brasilianische Nachrichtenseite Globo berichtete ebenfalls, der Arzt sei Teil der Kontrollgruppe gewesen.

Wir haben uns zudem angesehen, welche Todesfälle der veröffentlichten Zwischenanalyse genannt wurden. Demnach starben während aller Studien drei Personen aus der Kontrollgruppe und eine aus der Versuchsgruppe, deren Tod aber nichts mit dem Impfstoff zu tun hatte. Todesursachen waren demnach ein „Verkehrsunfall, ein Trauma durch stumpfe Gewalteinwirkung, Mord und eine Pilzpneumonie“. 

Außerdem starb ein weiterer Versuchsteilnehmer aus der Kontrollgruppe offenbar an Covid-19. In der Zwischenanalyse heißt es dazu: „Ab 21 Tage nach der ersten Dosis gab es zehn Fälle, bei denen Covid-19 im Krankenhaus behandelt wurde, alle in der Kontrollgruppe; zwei wurden als schwere Covid-19-Fälle eingestuft, darunter war ein Todesfall.“

Fazit

In Brasilien hat ein Arzt an einer Impfstudie teilgenommen, doch er ist Berichten zufolge an Covid-19 verstorben. Von offizieller Seite gibt es keine Angaben dazu, ob er den Impfstoff oder ein Placebo erhalten hat. Ein Blick in die Zwischenergebnisse der Studie, die Anfang Dezember veröffentlicht wurden, weist jedoch darauf hin, dass er tatsächlich Teil der Kontrollgruppe war, die ein Placebo oder eine Impfung gegen Meningitis erhielt.

Bewertung: Unbelegt. Der Arzt beteiligte sich an einer Impfstudie, erhielt Medienberichten zufolge jedoch nicht den Impfstoff, sondern war Teil einer Kontrollgruppe. Eine Zwischenanalyse der Studien deutet ebenfalls darauf hin, dass er an Covid-19 starb.

Autorin | Sarah Thust

Zuletzt aktualisiert | 10.12.2020

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