Rennes. Auf unserer Reise nach Nordwestfrankreich wollten wir uns treiben lassen. Vier Tage blieben uns, um die bretonische Kultur zu entdecken. In Rennes, der Hauptstadt der Bretagne, stießen wir auf eine Goldader der Geschichten und gingen in die Verlängerung. Nach sechs Tagen verließen wir schweren Herzens die Stadt der Querdenker. 

Blog Sarah Thust„Andere Teile Frankreichs interessieren mich nicht. Mir geht es gut in der Bretagne, die Kultur lebt, ich genieße mein Leben und habe mein gesamtes Netzwerk hier – Familie und Freunde. Wenn ich reise, dann in andere Länder wie Brasilien, Argentinien, oder hoffentlich bald Afrika und New York,“ sagt Musiker Mael Morel, der in vier verschiedenen Bands (San’JylaOoz Band,Compagnie EngrenageKopernik) seinen Lebensunterhalt verdient. Noch am gleichen Abend beweist er uns seine Liebe zur Musik – am Altsaxophon. Brass, Jazz, Reggae, traditionelle Musik – seinem Talent sind keine Grenzen gesetzt. „Musik ist leben und Leben ist Musik,“ ist sein Motto.

Wer seinem Verstand folgt, der folgt dem Verstand eines Esels.

Bretonisches Sprichwort

Die Kultur in Rennes blüht. Musikfestivals im Sommer, Jamsessions im Winter. Eine Ausstellung im Musée de Bretagne zeigt die Geschichte der Region von 1794 bis heute. Nicht weit entfernt liegt die Bibliothek der Stadt, die verpflichtet ist alles Material über die Bretagne in ihren Bestand aufzunehmen. Sie versorgt Studenten mit mehr als 500 000 Dokumenten, davon stammen 350 000 aus dem Kulturerbe der Region.

Die Jugend interpretiert ihre Heimat auf eigene Art. „Es ist ein Trend geworden bretonische Volksmusik mit verschiedenen Musikrichtungen zu kombinieren,“ erklärt uns Mael und schickt uns auf ein Reggae-Ska-Breton-Konzert der Gruppe IMG. Eröffnet wird die Veranstaltung von 17 traditionellen Musikern der Region. Wir verstehen kein Wort der bretonischen Liedtexte – eine keltische Sprache die mit Französisch nichts gemeinsam hat.

„Deutsch, französisch oder bretonisch: das sind doch alles Stempel. Jede Region hat ihre eigenen Rituale und ihren Dialekt. Unsere Fans mögen uns, weil wir unsere Wurzeln nicht vertrocknen lassen,“ sagt der Sänger der Gruppe IMG.

Für uns ist das nicht so selbstverständlich. Staunend glotzen wir auf die Tanzfläche als die Band loslegt. Menschen jeden Alters laufen Hand in Hand im Kreis durch den Konzertsaal – zum Klang von Ska-Musik. Einfache Schritte, einfache Sprünge – jeder kennt sie und jeder hat Spaß daran.

Doch eines hören wir immer wieder: „Ihr wollt die Bretagne entdecken? Fahrt auf’s Land!“ Darum fahre ich in das Dorf Lannion und treffe mich mit dem Bretagne-Wissenschaftler Ronan Le Coadic. Am Samstagnachmittag sprechen wir bei einem Bier in der Eckkneipe darüber wie die französische Gesellschaft die bretonischen Traditionen seit Jahrhunderten unterdrückt. Sprache, Küche und Kultur haben darunter gelitten – und die Selbstmordrate in der Region steigt an. „Die Bretonen leiden unter einer ernsthaften Identitätskrise,“ sagt er. Mehr davon in meinem Artikel nach der Reise…

BuchveröffentlichungZurück in Rennes werde ich wieder überrascht. Zufällig finden wir den Zugang zu einer illegalen Nomadensiedlung. Zwischen Wohnwagen und Containern setzen wir unsere Recherchen fort, die wir eigentlich in Paris abschließen wollten. Mehr dazu wird in „Frankreich – Wie wir es sehen“ veröffentlicht.

„Frankreich wie wir es sehen“

Erschienen im Drachenmond-Verlag
(26. Mai 2014)

16 Einheimische, Zugewanderte und Reisende erzählen von ihrer »Grande Nation«

Preis: EUR 14,90. Hier klicken und bestellen: