Die verrückten letzten Tage. Drei, zwei, eins – zählt der Countdown bis zu meiner Abreise aus Kambodscha. Ob es Tage, Wochen oder Monate sein werden spielt keine Rolle. Mein Rechner, vor dem ich sonst bis zu 12 Stunden am Tag sitze, bleibt kalt, E-Mails bleiben unbeantwortet. Von morgens bis abends bin ich stattdessen unterwegs, schaue mir die Stadt an und besuche Freunde. Keinen Gedanken wage ich an die Abreise nach Bangkok zu verschwenden – bis zur letzten Sekunde. Darum nehme ich mir diese letzten Tage frei…

Blog Sarah ThustAbschied von Phnom Penh. Nach allem was wir zusammen durch gemacht haben fällt es mir schwer mich von meinem Tuk Tuk Fahrer Kmao, seiner Frau und seiner Tochter zu verabschieden. Es war ein langes Jahr. Geldsorgen, Schlägereien, Partynächte haben wir gemeinsam mit dem immer gleichen Motto durchlebt: „Sei ehrlich!“ Nicht dass wir uns falsch verstehen, aber das Motto war seine Idee. Schweigekultur – kultureller Unsinn! Es gibt sie überall – die Ehrlichen, die Lügner, die Verantwortungslosen, die Süchtigen, die Lebenden…

Bangkok stinkt.

Knapp 15 Stunden Busfahrt liegen hinter mir. Kaum ein Wort habe ich während der ersten Transit-Etappe verloren. Ich habe stattdessen das vergangene Jahr, insbesondere die vergangenen drei Tage verarbeitet. Kambodscha verändert sich rasant und so ändert sich auch meine Beziehung zu diesem Land. Zuletzt blieb mir keine Wahl: Ich musste raus. „In guten wie in schlechten Zeiten,“ heißt es bei der Eheschließung.

In Kambodscha (er-)lebte ich zuletzt die besten und die schlimmsten Momente. Hass und Liebe liegen nah beieinander, finden statt in den gleichen Regionen des Menschenkopfes. Das scheint mir plausibel, denn umso häufiger mein Adrenalinspiegel in den vergangenen Monaten anstieg, umso weniger wollte ich nach Deutschland fliegen. Letztlich hat die Vernunft gesiegt…

Frieren am Flughafen in Bangkok.

Elf weitere Stunden drücke ich mich am Suvarnabhumi Flughafen herum. Nicht alle Entscheidungen trifft man allein. Dank verspäteter Zahlungen meiner Arbeitgeber wurde aus einem kleinen Familienbesuch und einer Rundreise durch Frankreich eine Low-Budget-Tour. Kein Hostel, kein Restaurant und Busse – viele Busse…

Keinen Dunst von Neu Delhi.

Wir schneiden durch eine dicke Smogdecke. Über uns erahne ich einen wolkenlosen blauen Himmel. Unter uns liegen grüne Felder durchflochten von Betonklötzen, aufgereiht wie Legosteine. Der Lotustempel und das Jawaharlal Nehru Stadium wirken in dem dichten Grau wie Basteleien eines Achtjährigen. Zwischen all diesem Dunst saugen pausbäckige Bäume die dreckige Luft in sich auf. Sie retten die Stadt vor dem endgültigen Kollaps. Ich schüttle den Kopf und mache mich auf den Weg zum Flieger nach Frankfurt am Main…

Frankfurt, Endspurt.

Das Gepäckband ist voll und ich trample auf der Stelle. Mein Zug nach Leipzig kommt in einer halben Stunde. Noch immer verlässt kein Wort meine Lippen. Nur ein Grinsen kann ich mir nicht verkneifen als mich der Zollbeamte mit einem erfreuten „Willkommen zu Hause“ begrüßt. Ich bin hier nicht mehr zu Hause, aber es ist eine nette Geste.